Informationen

Wenn die Schüler in die Schule kommen, haben viele schon in der Vorschule oder mit eifrigen Eltern und Großeltern die ersten Schriftzeichen gelernt. Im ersten Schuljahr lernen die Schüler neben den chinesischen Schriftzeichen auch Pinyin, die Umschrift der Schriftzeichen mit lateinischen Buchstaben. Die Fähigkeit des Lesens der Pinyin-Umschrift verliert sich jedoch, da schon ab der zweiten Klasse das Pinyin vollständig weggelassen wird.

Prüfungen, Prüfungen!

Das Schuljahr gliedert sich in zwei Halbjahre, an deren Ende es die roten Zeugnishefte gibt, in denen auch Bemerkungen über das Verhalten der Schüler stehen.

In der Mitte und am Ende jedes Semesters werden Prüfungen abgehalten, das bedeutet jeweils drei Tage lang hintereinander Prüfungen in fast allen Fächern.

Da heißt es fit sein zum Termin! Die Prüfungstermine sind einheitlich. Während des Schuljahrs werden sonst keine weiteren Testarbeiten geschrieben. An der Nankai Junior High School werden üblicherweise in der zweiten Schulwoche im September Prüfungen abgehalten. Auf meine Frage, dass noch kein abfragbarer Stoff erarbeitet worden sei, hieß es: Es muss doch überprüft werden, ob die Schüler in den Sommerferien genügend gelernt haben. Die Tests sind so angelegt, dass maximal 100 Punkte erreicht werden. Das Ergebnis wird demzufolge auch in einer Punkteskala bis 100 (und nicht in Noten) angegeben.

Zweimal im Jahr gibt es Zeugnisse. 100 Punkte bekommt man für die beste Leistung, mit 59 Punkten hat man die geforderte Leistung nicht mehr erbracht. Dies bleibt vorläufig jedoch ohne weitere Auswirkungen. Erst beim Übertritt in eine weiterführende Schule (nach der 6., 9. und der 12. Klasse) erhält die Anzahl der Punkte eine Bedeutung. Ein Sitzenbleiben bzw. Wiederholen der Klasse kennt man nicht. Das Gesamtergebnis am Ende der 6. und 9. Klasse entscheidet darüber, ob man in die nächsthöhere Klasse aufsteigen kann. Wenn nicht, muss man in eine weniger gute Schule gehen. Leistungsstarke Schüler können nun auch versuchen, in eine renommierte und besser angesehene Schule zu wechseln. Den Übergang von der Nankai Junior High School (9. Klasse), z.B. in die Nankai Senior High School (10. Klasse), schaffen nicht mehr als 50 Prozent der Schüler. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass nur die besten Schüler die Senior High School besuchen.

Am Ende der 12. Klasse steht die Prüfung aller Prüfungen. Man kann kein Fach vorher abwählen, naturwissenschaftlich Begabte müssen sich in chinesischer Literatur auskennen, Sprachtalente quälen sich mit Mathematik und Physik. Die Prüfungsaufgaben werden zentral gestellt und erst am jeweiligen Prüfungstag an die Schulen übermittelt. Diese dreitägige Abschlussprüfung (gaokao) gilt als Zugang und Einstieg zum Universitätsstudium. Je nach der erreichten Punktzahl kann man sich bei einer mehr oder weniger renommierten Universität bewerben. Wem die Aufnahme an eine bessere oder gar eine der besten Universitäten des Landes gelungen ist, dem stehen im späteren Berufsleben die Tore offen. Diese Rangliste der Universitäten wird von den Schülern der Senior High School immer wieder heiß diskutiert. Jeder hofft natürlich, den Sprung an eine der zehn besten Universitäten zu schaffen.

Diese zentrale Abschlussprüfung wird sehr ernst genommen. Während der Prüfungstage haben die anderen Schüler keinen Unterricht, damit der Prüfungsverlauf nicht gestört wird. Die Straßen an den Schuleingangstoren werden für den Verkehr gesperrt, Baustellen in Schulnähe müssen an diesen drei Tagen ihre Arbeit einstellen, damit der Lärm nicht die Konzentration der Schüler stört.

Die Eingänge werden ganztägig vom Schulpersonal und von der Polizei überwacht, damit keine Eltern ins Schulgelände gelangen. Die Eltern bringen ihre Kinder an diesen Tagen morgens und nach der Mittagspause zur Schule und holen sie am Abend ab. Während des ganzen Tages warten nervöse Eltern und Großeltern in Scharen vor dem Schultor auf ihre Kinder. Diese Prüfung gilt als die wichtigste Prüfung im Leben eines jungen Menschen. Sie ist die Eintrittskarte in das weitere Leben. Für Schüler aus Peking, Shanghai oder Tianjin ist für ca. 1,6 Schüler ein Studienplatz vorhanden. In anderen Provinzen kommt auf ca. zehn Schüler nur ein Studienplatz. Daher ist hier der Kampf um die guten Noten auch härter.

Schule in Tangshan

Xiaoying kommt aus Tangshan, 150 km nördlich von Tianjin. Diese Stadt wurde 1976 vom Erdbeben stark zerstört, gehört aber heute zu den wohlhabenden Gebieten. Die ersten neun Schuljahre lebte Xiaoying bei ihrer Familie und besuchte auch dort die Schule, bevor sie an die Nankai High School in Tianjin wechselte. In Tangshan hatte sie ein härteres Schulleben als heute an der Nankai High School, findet sie. Aufstehen morgens um 6 Uhr, Unterrichtsbeginn war bereits um 7 Uhr. Für Mittag- und Abendessen gab es nur kurze Pausen in der Schulmensa, abends wurde der Unterricht in der Schule bis 22 Uhr fortgesetzt. Anschließend musste sie zu Hause noch Hausaufgaben anfertigen. Am Wochenende hieß es „Lernen, lernen, Hausaufgaben!“ Auf meine Verwunderung angesichts dieser massiven Beschulung meint sie emotionslos: Ach, man kann sich an alles gewöhnen und irgendwie muss ich es doch schaffen, die besseren – und besten – Noten zu bekommen. Denn ihr Ziel und das Ziel der Eltern und der Großeltern ist ein Studienplatz an einer der renommierten Universitäten Chinas. Dafür legt sich die Familie krumm, spart, verzichtet auf vieles, dafür lernt Xiaoying, seit sie zur Schule geht.