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Internat

Im Internatsbereich der Nankai High School sind die besten Schüler des Landes versammelt. Jährlich veranstaltet die Nankai High School Aufnahmeprüfungen für auswärtige Schüler. Von 2000 Bewerbern für das Schulinternat wurden im vergangenen Jahr die 90 Besten ausgewählt. Diese Schüler werden auch psychologisch gut auf ein späteres Berufsleben vorbereitet, da der Internatsalltag hart und entbehrungsreich ist und sie nicht von Eltern und Großeltern verwöhnt und umworben werden. Zudem sind der Zusammenhalt und die gegenseitige Unterstützung unter den Internatsschülern auffallend groß und bilden ein Netzwerk für die Zukunft.

Lipeng kommt aus Taiyuan in Shanxi, 450 km von Tianjin entfernt. Jetzt lebt er im Internat und befolgt ohne Murren die extrem strengen Internatsregeln. Am Wochenende besucht er seine Eltern nicht, denn da würde er „ja keine Hausaufgaben machen und weniger lernen als im Internat“. Daher besuchen ihn seine Eltern auch nur dreimal im Jahr, um ihn „nicht vom Lernen abzulenken“. Im Internat leben die Schüler zu sechst in einem 24–qm-Zimmer: Unter den sechs Hochbetten jeweils ein Schreibtisch mit Schrank und Bücherregal. Die Schüler waschen ihre Kleidung selbst und putzen ihre Zimmer. Mehrmals täglich werden die Zimmer auf Ordnung und Sauberkeit kontrolliert, vom Aufsichtspersonal abgeschlossen und wieder aufgeschlossen. Es gibt kein Fernsehen, kein Computer, kein Kino und keine laute Musik. Das Schulgelände verlassen die Internatsschüler weder mittags noch abends. Nach dem Abendessen ist von 18.30 bis 21.30 Uhr Studierzeit im Klassenzimmer, um 22.30 Uhr wird das Licht in den Schlafsälen zentral ausgeschaltet bis zum Weckpfiff am nächsten Morgen. Lipeng allerdings sitzt jede Nacht noch bis 24 Uhr am Schreibtisch, neben sich eine Batterielampe und büffelt für die nächsten Probearbeiten. Ob denn die Zimmergenossen nicht durch das Licht gestört werden, frage ich. Nein, die arbeiten auch alle bis Mitternacht. Die Zimmergemeinschaft ist für die Schüler so etwas wie Familienersatz.

Lehrer

In meinem Lehrerzimmer stehen 16 Schreibtische, jeder Lehrer hat dazu einen Schrank. Alle Lehrer sind von der Schule mit einem Notebook ausgestattet worden und haben freien Internetzugang. Die Atmosphäre ist entspannt und locker, ausgesprochen humorvoll und hilfsbereit. Männliche und weibliche Kollegen sind gleichermaßen in den täglichen Putzdienst des Lehrerzimmers eingebunden. Der Anteil von Frauen und Männern im Kollegium ist etwa gleich hoch. Frühstück und Mittagessen nehmen die Lehrer in der Schule ein. An der Nankai High School gibt es für Lehrer und Schüler gemeinsam drei Schulkantinen. Die meisten Lehrer jedoch holen sich ihr Essen in einem Töpfchen in das Lehrerzimmer, essen dann am Schreibtisch neben dem Computer. Die Mittagspause ist frei, falls man nicht gerade Aufsicht in einer „Studierzeit“ hat, sie gehört also nicht zur dienstlichen Arbeitszeit eines Lehrers. Was tun, wenn die eigene Wohnung zu weit weg liegt? Ein Mittagsschlaf wäre jetzt angesagt! Dafür hat fast jeder Lehrer eine Art Liegestuhl bei sich, der im Allgemeinen unauffällig zusammengeklappt neben dem Schreibtisch steht. In der Mittagspause wickelt man sich in Wolldecken ein und hält ein kurzes Schläfchen. Zu dieser Zeit herrscht in den ansonsten recht lärmigen Lehrerzimmern eine angenehme Stille.

Militärschulung

Der 1. September ist in ganz China alljährlich der erste offizielle Schultag. In der Nankai High School tragen die Schüler heute die festliche Variante der einheitlichen Schulkleidung. Der Einzug der Schüler am Morgen wurde bereits vielmals geübt und klappt hervorragend. Eine Klasse nach der anderen schreitet im Gleichschritt und in exakt ausgerichteten Reihen rund um den Sportplatz bis zur jeweiligen Aufstellungsmarke. Wenn alle 5000 Schüler still stehen, ertönt zuerst die chinesische Nationalhymne, dabei wird die chinesische Nationalflagge aufgezogen, dann erklingt die Schulhymne (Melodie von „O Tannenbaum“) und das Schulbanner wird hoch gezogen.

Nach mehreren Ansprachen zeigen die 300 neuen Schüler, was sie in der vergangenen Woche gelernt haben. In sieben Tagen hartem Training täglich zehn Stunden lang haben sie einen Crashkurs in Militärschulung durchgemacht: marschieren, exerzieren, Parade im Stechschritt, Umgang mit dem Gewehr, Schießübungen (ohne Munition), das alles im Tarnanzug, den ganzen Tag der heißen Sonne ausgesetzt. Der Aufmarsch ist beeindruckend!

 

III. Stolperfallen im chinesischen Schultag

Als mich das Bayerische Kultusministerium vor meiner Entscheidung für einen Einsatz in China warnte, dass in allen Klassen 50 Schüler säßen, glaubte ich das irgendwie nicht so recht. Wie sich dann herausstellte, sitzen in meinen Klassen 48 bis 54 Schüler, in der Schule gibt es jedoch Klassen mit bis zu 62 Schülern. Ich unterrichte Deutsch von der 7. bis 12. Klasse, mit 2 bis 4 Wochenstunden pro Klasse. Im vergangenen Jahr waren alle meine Schüler Anfänger.

Natürlich hatte ich ein bisschen Angst vor der ersten Unterrichtsstunde in einer chinesischen Klasse. Dieses leichte Schaudern erinnerte mich an meine allererste Unterrichtsstunde vor mehr als 30 Jahren. Erfahrene Kollegen halfen mir damals und meinten, das sei alles nicht so schwierig und würde sich im Laufe der Zeit schon ergeben. Jetzt unterrichte ich im zweiten Jahr Deutsch als Fremdsprache (DaF) und bin die einzige Deutschlehrerin der Schule. Nach dem ersten Jahr haben sich manche Probleme verringert, andere Schwierigkeiten bleiben bestehen.

Vor meinem ersten Unterricht bat ich zwei Englischlehrerinnen, ob ich in ihrem Unterricht hospitieren dürfe. Mir ging es hauptsächlich darum, ritualisierte Rahmenbedingungen in einer chinesischen Klasse kennen zu lernen: Unterrichtsanfang, wie melden sich die Schüler, wie werden sie aufgerufen, Verhaltensmodi des Lehrers etc. Wichtig war mir auch, wie viel oder wie wenig Disziplin erwartet ein chinesischer Lehrer, was kann ich in dieser Hinsicht von den Schülern verlangen, welcher Lärmpegel ist noch tolerierbar. Von meinen früheren Auslandseinsätzen weiß ich, dass es sinnvoll ist, die äußeren Rahmenbedingungen einzuhalten. Man könnte dagegen halten, dass die Schüler doch gerade fremdes, eben deutsches Verhalten kennen lernen sollten. Die chinesischen Schüler werden jedoch mit so viel merkwürdigem, zum Lachen reizendem Verhalten des deutschen Lehrers konfrontiert, dass es gut ist, sie nicht zu überfordern. Überdies fördert es die Disziplin, wenn ich wenigstens den formalen chinesischen Rahmen kopiere.

Oft stehen chinesische Lehrer während des gesamten Unterrichts vorne auf der erhöhten Plattform. Geschrieben wird viel, gesprochen weniger!

Um im Klassenzimmer umherzugehen, wie ich es gerne mache, fehlt es an Platz. Tische und Stühle sind so eng gestellt, dass ich kaum durchgehen kann. Ich habe mir bei entsprechenden Versuchen schon Löcher in die Kleidung gerissen. Die Schultaschen haben die Schüler hinter sich auf die Sitzfläche des Stuhls geklemmt. Auch wenn die Schüler leise sind, ist der Lärmpegel im Klassenzimmer hoch: Die Türen zum Gang stehen immer offen, die Fenster lassen Straßenlärm herein, die Ventilatoren surren laut (notwendig bei Zimmertemperaturen von über 30° Celsius von Mitte Mai bis Anfang Oktober), die Stühle und Füße scharren und die schiere Anwesenheit von 50 Schülern schafft Geräusche. Nach meinem Unterricht bin ich nass geschwitzt – klar, bei der Hitze!