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Ein Problem ist, dass chinesische Schüler nicht gerne eine falsche Antwort geben. Sie versuchen oft sich dem Problem der „Antwort“ zu entziehen. Entweder sie melden sich kaum oder gar nicht oder sie sprechen so leise, dass sie weder für mich noch für die Mitschüler zu verstehen sind. Es ist üblich, dass jeder Schüler aufsteht, wenn er etwas sagt. Das macht die Antwort auch psychologisch zu einer Art „statement“ und nicht zu einem vorläufigen Beitrag in einem sich ständig verändernden Unterricht. In Deutschland finde ich es manchmal wichtig, dass falsche Antworten kommen. Denn am Beispiel fehlerhafter Antworten kann ich den Lösungsweg besser verdeutlichen.

In China streicht eine falsche Antwort einen Schüler negativ heraus, dem weicht er lieber aus – durch Schweigen oder durch eine geflüsterte Antwort.

Insgesamt zeigen chinesische Lehrer nur selten Emotionen, fragen auch bei den Schülern keine Gefühle ab. Fragen nach dem „Warum?“ oder nach der Einschätzung der eigenen Situation sind nicht üblich. Es gibt einige Lehrer, bei denen die Schüler regelmäßig laut lachen. Das gefällt mir. Ich selbst habe das im ersten Jahr noch nicht so oft zuwege gebracht, auch wegen der fehlenden Sprachkenntnisse. Ja, die Kommunikation zwischen mir und den Schülern ist nicht so einfach. Wo es nur geht, behelfe ich mich mit den Lernwörtern, mit Demonstrationsmaterial und mit Zeichensprache. Manches sage ich auf Englisch, wobei die Englischkenntnisse je nach Schullaufbahn der Schüler stark variieren. So viel wie möglich verständige ich mich auf Deutsch. Aber was kann man von Lernanfängern erwarten? Niemand in meiner Umgebung spricht Deutsch. Das ist für mich eine starke Motivation Chinesisch zu lernen. Meine chinesischen Sprachkenntnisse werden auch täglich besser, sie erleichtern inzwischen manche Situationen. Die Schüler sind immer wieder entzückt über meine Sprechversuche.

In jedem Klassenzimmer befindet sich vorne, vor der Tafel, ein etwa ein Meter breites und 20 Zentimeter hohes Podest, an den Seiten oval auslaufend. Normalerweise steht der chinesische Lehrer erhöht auf dem Podest ans Pult gelehnt. Vom ersten Tag an wusste ich, dass dies für mich eine Stolperfalle darstellen würde. Ich bin eine lebhaft agierende Lehrerin, meine Unterrichtsinhalte demonstriere ich gerade im DaF-Unterricht gerne mit Mimik und Gestik, mit Tafelzeichnungen und mit Musik. Sieben Monate lang turnte und tanzte ich auf diesem Podest herum ohne einen Sturz. Dann allerdings knallte es richtig: heruntergesaust, voll auf den Po gefallen, aber schnell wieder aufgestanden. Ich musste lachen, da ich diesen Sturz schon lange erwartet hatte. Die Schüler waren reizend, einige kamen herbeigelaufen, mit ihrem „Can I help you?“ beschämten sie mich ein wenig. Körperlich nicht schmerzhaft, aber ich empfand die Situation dann doch als peinlich – natürlich! Wenn ich in Deutschland meinen Schülern zu Füßen fiele, würde ich mich auch genieren. Interessant fand ich, dass die Schüler nicht, wie nach asiatischem Verhaltenscodex zu erwarten, in lautes Lachen ausbrachen, sondern nur vorsichtig guckten. Wahrscheinlich ist die Ehrfurcht vor dem Lehrer dann doch zu hoch.

In den meisten meiner Klassen ist das Thema Disziplin keine Frage für mich, ebenso wenig wie in Deutschland. Allerdings gab es eine achte Klasse, mit der ich so meine Probleme hatte. Wenn in einer Klasse ein paar Störenfriede sitzen, hilft manchmal die schönste Pädagogik nichts, die Schüler machen nicht mit. Das ist in China genauso wie in Deutschland. Wenn die Schüler zudem das Gefühl haben, zusätzlich zum Englischen eine zweite Fremdsprache lernen zu müssen, die ihnen scheinbar nichts bringt, ist es für mich als Lehrer schwer, die Schüler zu motivieren. Neulich hatte ein Schüler der 8. Klasse vor sich auf dem Tisch einen mit Batterie betriebenen Miniventilator zur Kühlung seiner oberen Körperteile aufgestellt und zeigte sich mehr an den technischen Details dieses Apparates interessiert als am Unterricht. Ich überlegte, ob ich ihm den wegnehmen sollte, befürchtete jedoch einen chinesischen Wortschwall, am Ende noch unterstützt von anderen Schülern. Verbal stehe ich auf der schwächeren Position. Ich kann eben nicht mit den Schülern diskutieren oder Probleme besprechen.

Die Auswahl der möglichen Disziplinierungsmaßnahmen ist nicht einfach, da mir die Englischlehrer erzählten, sie dürften den Schülern keine Strafen geben, die zu Hause erledigt werden müssen, sonst rebellieren die Eltern. Diese verwöhnen ihre Kinder mehr, als es europäische Eltern tun. Die Lehrer schreiben auch keine Briefe oder Mitteilungen nach Hause, und Verweise existieren nicht. Dagegen werden die Elternsprechstunden im Lehrerzimmer vor den Augen und Ohren aller Anwesenden geführt.

Chinesische Lehrer haben andere Verfahren mit schwierigen Schülern umzugehen. In meinem Lehrerzimmer mit den 16 Lehrern spielt sich täglich schulisches Alltagsleben ab.

Das Lehrerzimmer ist auch ständig von Schülern bevölkert. Oft schreiben Schüler im Stehen, das Heft an die Wand gedrückt, Strafarbeiten oder Übungsaufgaben ab. Viele Schüler müssen einfach eine Zeitlang „in der Ecke stehen“. Oder sie rezitieren vor dem Lehrer lange Passagen eines auswendig gelernten Stoffes.

Häufig müssen Schüler endlos lange Standpauken über sich ergehen lassen. Diese mehr oder minder lautstarken Strafreden dauern manchmal eine halbe Stunde, unterbrochen nur vom Luftholen des Lehrers oder einem Schluck Tee oder einfach einer Pause zum Nachdenken über die weiteren Belehrungen. Der Schüler bleibt während der ganzen Zeit stumm vor dem Lehrer stehen, die Augen gesenkt, die Hände zusammengelegt. Nur einmal habe ich es erlebt, dass ein Schüler es wagte, Widerworte geben. Dieses Verhalten wurde von allen Lehrern einhellig abgelehnt. Und nur einmal habe ich gesehen, dass eine ältere Lehrerin die Haltung verlor, einem Schüler gegenüber unverhältnismäßig laut wurde und zu schreien begann. Schlechtes Benehmen der Schüler wird auch durch folgende unbeliebte Strafen geahndet: Kehren und Wischen des Lehrerzimmers, Säubern der Schulhaustreppen, Übernahme der Reinigungsarbeiten anderer Schüler.

Ein chinesisches Problem: Die Schüler haben sehr schlechte Augen. Nach einer offiziellen Erhebung heißt es, dass von allen Schulabgängern 74% fehlsichtig sind. Dabei sind jedoch diejenigen noch nicht eingerechnet, die trotz starker Kurzsichtigkeit keine Brille tragen. Gründe für die schlechte Sehfähigkeit werden viele genannt, einer liegt sicherlich in den wegen Papiermangels äußerst klein geschriebenen chinesischen Schriftzeichen mit bis zu 24 Strichlein pro Zeichen. Für mich bedeutet das ganz praktisch: Meine Tafelanschrift muss ich doppelt groß machen. Und trotzdem können Schüler in der ersten Reihe, mit oder ohne Brille, die Wörter oft nicht lesen. Tafeltexte werden von den meisten Schülern mit einer höheren Fehlerzahl als Buchtexte abgeschrieben.

Gelegentlich bekomme ich englisch geschriebene Briefchen von den Schülern. Sie lieben meinen Unterricht, sie finden mein Lachen so schön, sie freuen sich, dass ich zu jeder Stunde fröhlich komme. Wenn ich über den Schulcampus gehe, werde ich von den Schülern mit einem „Guten Tag, Frau Meuß!“ begrüßt. In dieser chinesischen Umgebung klingt das wie ein Stück Heimat für mich. Ich freue mich, wenn Schüler mir etwas erzählen wollen und dabei mit einem Gemisch aus Chinesisch, Englisch und Deutsch radebrechen. Nach einem Jahr Unterricht an der Nankai High School merke ich, dass ich trotz aller Schwierigkeiten etwas bewirke und Erfolge habe.

Katja Meuß ist Konrektorin und als Landesprogrammlehrkraft im Rahmen des Lehrerentsendeprogramms als Lehrerin in China tätig.